| Allgemeines:
Die Gattung Sternotherus ist untergliedert in die Arten
Sternotherus carinatus, S. depressus, S.
minor und S. odoratus. Die Art Sternotherus
minor umfasst wiederum die Unterarten S. m. minor
und S. m. peltifer.
Berichte über erfolgreiche Nachzuchten der Gattung Sternotherus
sind bisher von S. odoratus (beispielsweise OLEXA 1969,
SACHSSE 1977, POLDER 1978, HENDRISCHK 1979, BUDDE 1982, ZIMMERMANN
1983, GAD 1987, RÖDEL 1989, FELSNER 1999, HOFER & ARTNER
2001) und S. carinatus (u. a. BECKER 1992, 1995, BAUR
1995, FELSNER 2001) bekannt. In dieser Arbeit soll über die
kontinuierliche Nachzucht von Sternotherus minor minor
über den Zeitraum von 1989 bis 2001 berichtet werden. Dabei
schlüpften aus 61 Gelegen mit 202 Eiern insgesamt 162 Jungtiere.
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Verbreitung:
Als Verbreitungsgebiet von Sternotherus
minor minor wird der Südosten der USA vom äußersten
Südwesten Virginias und dem südlichen Tennessee bis hinunter
nach Zentralflorida sowie zwischen Mississippi und der Atlantikküste
von Georgia angegeben (NIETZKE 1969, 1973, PRITCHARD 1979, OBST
1985, IVERSON 1992, MÜLLER 1993, GUNTERMANN 1998, FELSNER 1999).
GUNTERMANN bemerkt in seiner Arbeit, dass S. m. minor im
Black Warrior Fluss-System in Alabama fehlt. Dort lebe ausschließlich
die bedrohte Art S. depressus.
Sternotherus minor peltifer kommt vom östlichen Tennessee
und südwestlichen Virginia bis ins östliche Mississippi
und Alabama vor. |
Beschreibung:
Sternotherus
minor ist eine klein bleibende, fast ausschließlich im
Wasser lebende Schildkröte. Meine Tiere verlassen den Wasserteil
nur zur Eiablage oder in Stress-Situationen.
Dis Farbe des Carapax reicht von hell- bis fast schwarzbraun. Auch
in der Größe gibt es erhebliche Unterschiede. Während
die Mehrzahl meiner Tiere dem Namen „minor“
alle Ehre macht und kaum größer als 11 cm bei einem Gewicht
zwischen 150 g (Männchen) und 270 g (Weibchen) ist, habe ich
eine Gruppe, die deutlich größer und massiger ist, sozusagen
„Maxi-Minor“. Das Männchen hat hier eine Carapaxlänge
von 12 cm bei einem Gewicht von 280 g, die Weibchen sind fast 14
cm lang und wiegen 380 bzw. 420 g.
Der
Bauchpanzer ist gelblich bis orangerot. Zwischen den Schildnähten
befinden sich Bindegewebsstreifen, die durch die Hornschildrückbildung
entstehen. Tiere dieser Art besitzen einen Zwischenkehlschild. Durch
diesen lässt sich S. minor gut von S. carinatus
unterscheiden. Bei Letzterer ist der Schild nicht vorhanden (FELSNER
1999). Hals und Kopf weisen eine gelblichbraune bis olivgrüne
Färbung mit schwarzen Punkten auf. Am Kinn befinden sich zwei
Barteln. Die Weichteile sind hellgrau und besitzen schwarze Punkte.
Zwischen den Zehen befinden sich Schwimmhäute. S. m. minor
hat ausgeprägt kräftige Kiefer. Diese befähigen sie
durchaus dazu, auch Gehäuseschnecken zu knacken.
Die Geschlechter
lassen sich leicht an der Schwanzlänge unterscheiden. Männchen
haben deutlich längere Schwänze. |
Haltung:
Ich pflege jeweils 1,1 oder maximal 1,2 S. m. minor gemeinsam
in einem Aquaterrarium. Die Tiere werden beobachtet und bei Stresserscheinungen
separiert. Die Haltung zweier Männer in einem Behälter
erscheint mir unmöglich. Die Männchen sind untereinander
sehr aggressiv. Selbst wenn eine Gemeinschaftshaltung in Einzelfällen
gelingen sollte, wird eines dieser Männchen vom anderen unterdrückt.
Auch Weibchen können untereinander aggressiv sein. Deshalb
ist die Beobachtung sehr wichtig, um Ausfälle zu vermeiden.
Ich
biete meinen Gruppen jeweils ein Aquaterrarium mit den Maßen
100 × 40 × 40 cm (L × B × H). In diese Becken
klebte ich in einer Höhe von zirka 10 cm einen Landteil mit
den Maßen 40 × 33 × 17 cm (L × B ×
H) so ein, dass die Tiere darunter Schutz suchen können (vgl.
GAD 1987). Der Landteil ist mit einem Sand-Torf-Gemisch im Verhältnis
2:1 gefüllt. Dieses Substrat halte ich während der gesamten
Aktivphase der Tiere feucht. Dazu wird jeweils zirka ein halber
bis dreiviertel Liter warmes Wasser auf den Landteil gegossen. Dies
wird wiederholt, sobald der Landteil abgetrocknet ist. Ergänzt
wurde der Landteil mit einem ovalen Sandstein von zirka 13 cm Länge.
Auf diesen Sandstein wurde zur Beheizung ein 80 W-Punktstrahler
(Osram Concentra) gerichtet. Die Beleuchtungsdauer variiert in Abhängigkeit
der Tageslänge in der Natur zwischen acht und 14 Stunden pro
Tag. Die Wassertemperatur sollte den jahreszeitlichen Bedingungen
angepasst werden. Jedoch ist ein Überschreiten der Temperaturen
von 28 bis 29°C in den Sommermonaten nicht angebracht. Auch
in dieser Zeit ist eine Nachtabsenkung auf 22 bis 24°C wünschenswert.
Das
Wasser wird über einen Eheim-Innenfilter gefiltert. Zur Einrichtung
des Wasserteils gehört ein Lavastein, der den Tieren das Aufsuchen
der Wasseroberfläche zur Luftaufnahme erleichtern soll. Da
Moschusschildkröten im Wasser herumlaufen und nicht wie z.
B. Graptemys oder Pseudemys guten Schwimmern zuzurechnen
sind, muss ihnen so die Möglichkeit gegeben werden, „zu
Fuß“ die Wasseroberfläche zu erreichen. Eine gebogene
und in den Wasserteil hineinragende Korkplatte über der Trennscheibe
zum Landteil bietet den Tieren eine weitere Versteckmöglichkeit
und erleichtert ihnen den Ein- und Ausstieg (BECKER 1994). Einige
Kunststoffpflanzen vervollständigen die Einrichtung. Auf eine
Beleuchtung des Wasserteils wurde verzichtet, da die Tiere das Licht
mieden und nur noch zum Luftholen den beleuchteten Teil des Beckens
aufsuchten.
Gefüttert wird mit handelsüblichem Trockenfutter (PENK,
Rüsselsheim) und einem Gelatinefutter (BECKER 1992). Es enthält
folgende Bestandteile: Rinder- und Hühnerherz, ganze Sardinen,
Bananen, Äpfel, Spinat, gequollenen Reis, Tomaten, Eier mit
Schalen, Vitakalk, Tricrescovit, Vitamin D3-Pulver, DL-a-Tocopherol
(Vitamin E) und ß-Karotin 10-prozentiges Pulver. Dieser Brei
wird mit Gelatine eingedickt und portionsweise eingefroren.
Ich biete meinen Tieren auch gelegentlich Gehäuseschnecken
an. Diese werden besonders gierig gefressen. |
Winterruhe:
Ab Anfang November wird zuerst der handelsübliche Glasregelheizer
abgeschaltet bzw. die Heizung des Terrarienraumes gedrosselt. Gleichzeitig
wird die Fütterung der Tiere eingestellt. Nach zirka zwei bis
drei Wochen wird der 80 W-Punktstrahler ausgeschaltet und das Aquaterrarium
mittels einer Verkleidung vollständig abgedunkelt. Die Tiere
verbleiben bei 10 bis 12°C etwa zwei Monate in der Winterruhe.
Nach dieser Zeit werden in umgekehrter Reihenfolge innerhalb von
drei Wochen die optimalen Haltungsbedingungen für S. minor
wieder hergestellt. Die Tiere nehmen danach ihre Aktivitäten
wieder auf und fressen gut. |
Paarung:
Paarungen lassen sich das ganze Jahr über beobachten. Besonders
intensiv sind diese allerdings nach der Winterruhe. In dieser Zeit
muss auf außerhalb des Wasserteils sitzende Weibchen geachtet
werden. Diese flüchten vor den Paarungsversuchen der Männchen.
Werden die Tiere nicht getrennt, kann es zu Verlusten kommen. |
Eiablagen
und Inkubation:
In den letzten 13 Jahren wurden in 61 Gelegen insgesamt 202 Eier
gelegt. Die Eiablagen erfolgten das ganze Jahr über –
je Weibchen allerdings innerhalb bestimmter, individueller Legeperioden,
die sich jeweils über zwei bis fünf Monate eines Jahres
erstrecken und bis zu fünf Gelege enthalten. Keines meiner
Weibchen hatte zwei Legeperioden innerhalb eines Jahres. Die Gelegegröße
schwankte zwischen einem und sechs Eiern, in der Regel aber zwischen
drei und vier.
Die Eier werden vom Landteil in eine mit feuchtem Vermiculite gefüllte
Box überführt. Die Eier sind oval und hartschalig. Bereits
nach wenigen Tagen erkennt man an einer Bänderung, ob die Eier
befruchtet sind. Bleibt diese aus, können die Eier verworfen
werden. Die Bänderung beginnt in der Mitte des Eies und breitet
sich in den ersten Tagen der Inkubation zu den Polen hin aus.
Von 1989 bis 1994 bebrütete ich die Eier bei 28°C, 1995
bis 1996 bei 29°C. Bei Untersuchungen des Einflusses der Temperatur
auf die Geschlechtsentwicklung von Sternotherus odoratus wurden
von VOGT & BULL (1982) sowie CLARK et al. (1986) festgestellt,
dass bei Temperaturen von 28°C oder höher nur Weibchen,
bei Temperaturen von 25°C etwa 80 % Männchen und im Bereich
zwischen dieses Werten beide Geschlechter schlüpften. Damit
war klar, warum bei den Temperaturen, mit denen ich zwischen 1989
und 1996 inkubiert habe, fast ausschließlich Weibchen schlüpften.
Ich habe daraufhin einen Temperaturgradienten mit einer Nachtabsenkung
gewählt. Die Temperaturen schwankten nun zwischen 24,9 und
29,3°C. Erste Ergebnisse scheinen nun auf eine ausgewogene Geschlechterverteilung
hinzudeuten. Diese Änderung der Temperatur hatte allerdings
keinen signifikanten Einfluss auf die Zeitigungsdauer. |
Schlupf
der Jungtiere:
 Die
Inkubationsdauer liegt zwischen 74 und 107 Tagen. Die meisten Jungen
schlüpften allerdings nach 83 bis 89 Tagen. Das Gewicht der
Schlüpflinge beträgt zwischen 2,1 und 5,07 g (meist 3,3
bis 4,8 g). Die Eier werden von den Jungtieren am Polende geöffnet.
Der Schlupf kann bis zu drei Tage dauern. Von einem Weibchen der
„Maxi-Minor-Gruppe“ schlüpften immer Jungtiere
mit einem fast orangeroten Plastron. Die Jungtiere sind ein Ebenbild
ihrer Eltern, nur intensiver gefärbt. Deutlich sind drei Längskiele
auf dem Carapax zu sehen. |
Aufzucht
der Jungtiere:
Ich bringe die Jungtiere jeweils gelegeweise in einem Plastik-Aquarium
mit den Maßen 40 × 20 × 20 cm unter. Der Wasserstand
beträgt zirka 4 cm, die Wassertemperatur tagsüber 25 bis
29 °C, nachts 22 bis 24 °C. Auf eine gesonderte Beleuchtung
wird verzichtet. Einige Steine und Plastikpflanzen wurden in den
Wasserteil eingebracht, damit die Tiere an die Oberfläche gelangen
können. Zusätzlich dienen diese auch als Schutz und Versteck.
Als Futter biete ich handelsübliches Trockenfutter, rote Mückenlarven
und das oben beschriebene Gelatinefutter an. Dabei wachsen die Tiere
gut. Der Wasserstand wird jeweils den wachsenden Schildkrötenbabys
angepasst, und monatlich um etwa 2 cm erhöht. Dabei achte ich
jedoch stets darauf, dass die Tiere die Wasseroberfläche leicht
erreichen können.
Bei der Aufzucht sollte genau die Gewichtsentwicklung beobachtet
werden. Bleibt ein Tier zurück, muss es separiert werden. Oft
handelt es sich dabei um zwei oder mehrere Männchen, die zwar
noch nicht von Weibchen unterschieden werden können, aber offensichtlich
schon aggressiv aufeinander reagieren. |
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Literatur:
BAUR, M. (1995): Erfolge und Mißerfolge bei der Pflege der
Gekielten Moschusschildkröte. – D. Aquar.- u. Terrar.-Z.
(DATZ), Stuttgart, 48(4): 242-244.
BECKER, H. (1992): Beobachtungen bei der Haltung und Nachzucht von
Sternotherus carinatus (GRAY, 1856) – Salamandra, Bonn, 28(1):
9-13.
— (1995): Terrarien-Nachzucht von Sternotherus carinatus (GRAY,
1856). – Sauria, Berlin, 17(3): 29-33.
BECKER, H & A. MÜLLER (1997): Bemerkenswerte Beobachtungen
bei der Aufzucht der Gekielten Moschusschildkröte (Sternotherus
carinatus) (GRAY, 1856). – Elaphe, Rheinbach, 5(3): 10-15.
BUDDE, H. (1982): Durch Nachzucht erhalten: Die Moschusschildkröte.
– Aquarien Magazin, 16: 242-246.
CLARK, P. J., M. A. EWERT & C. E. NELSON (1986): Physiological
aspects of temperature dependent sex. – Proc. Indiana Acad.
Sci., 95: 519.
FELSNER, H (1999): Langjährige Nachzucht der Kleinen Moschusschildkröte
Sternotherus minor minor (AGASSIZ, 1857). – Emys, Sitzenberg-Reidling,
6(1): 4-13.
— (2001): Über die Nachzucht der Dachkiel-Moschusschildkröte
Sternotherus carinatus (GRAY, 1855). – Emys, Sitzenberg-Reidling,
8(6): 14-25.
GAD, J. (1987): Die Zucht von Sternotherus odoratus (LATREILLE,
1801) und die dabei auftretenden Schildanomalien. – Salamandra,
Bonn, 23(1): 1-9.
GUNTERMANN, J. (1998): Beobachtungen an Sternotherus minor minor
in natürlichen Lebensräumen in Florida. – Emys,
Sitzenberg-Reidling, 5(5): 4-16.
HENDRISCHK, G. (1979): Sternotherus odoratus – Nachzucht im
Terrarium. – Sauria, Berlin, 1(1): 5-9.
HOFER, A. & H. ARTNER (2001): Mehrjährige Nachzucht der
Gewöhnlichen Moschusschildkröte Sternotherus odoratus
(LATREILLE, 1801). – Emys, Sitzenberg-Reidling, 8(6): 4-13.
IVERSON, J. B. (1992): A Revised Checklist with Distribution Maps
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Printed), 363 S.
MÜLLER, G. (1993): Schildkröten. – Stuttgart (Ulmer
Verlag), 214 S.
NIETZKE, G. (1969): Die Terrarientiere I. – Stuttgart (Ulmer
Verlag), 429 S.
— (1973): Sternotherus carinatus – Dach-Moschusschildkröte.
– Das Aquarium, Bornheim, 7(10): 411-412.
OBST, F. J. (1985): Die Welt der Schildkröten. – Leipzig
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OLEXA, A. (1969): Breeding of the Common Musk Turtles Sternotherus
odoratus at Prague Zoo. – Int. Zoo YB., London, 9: 28-29.
POLDER, R. (1978): Die Zucht von Sternotherus odoratus. –
D. Aquar.- u. Terrar.-Z. (DATZ), Stuttgart, 31(8): 280-281.
PRITCHARD, P. C. H. (1979): Encyclopedia of Turtles. – Neptune
City (TFH), 895 S.
RÖDEL, M.-O. (1989): Haltung und Zucht der Kleinen Moschusschildkröte
Sternotherus minor minor (AGASSIZ, 1857). – Aquarama, Mühlheim,
4: 46-49.
SACHSSE, W. (1977): Sternotherus m. minor, seine Nachzucht und die
damit verbundenen biologischen Beobachtungen. – Salamandra,
Frankfurt/M., 17(3/4): 157-165.
VOGT, R. C. & J. J. BULL (1982): Temperature controlled sex-determination
in turtles: Ecological and behavioral aspects. – Herpetologica,
38: 156-164.
ZIMMERMANN, E. (1983): Das Züchten von Terrarientieren. –
Stuttgart (Franckh´sche Verlagshandlung), 238 S. |
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